Sonntag, 11. September 2011

Bestandsaufnahme: 13 Monate Südamerika.Wo war ich? Wer war ich? Wo bin ich? Wer bin ich?

Wir schreiben den 11. September, einen Tag der vor 10 Jahren durch den verheerendsten Terroranschlag der Geschichte in unsere Köpfe gebrannt wurde. Für mich wird sich Datum nun auch noch aus einem anderen Grund für immer in meinen Kopf brennen – Ich fliege nach Hause.
Vor nun mehr als einem Jahr setzte ich mich in den Flieger Richtung Peru um dort ein Freiwilliges Soziales Jahr zu absolvieren und mich gleichzeitig in das größte Abenteuer meines bisherigen Lebens zu stürzen. Doch hatte ich keinen Schimmer davon, welche Ausmaße dieses Abenteuer nehmen würde.
Es ist ein seltsames Gefühl nun am letzten Tag, Stunden vor der Abreise, auf alles Erlebte zurück zu blicken und es mit dem finalen Blickwinkel zu versehen.
Nein, es lief definitiv nicht alles wie geplant.
 Wer hätte ahnen können, dass ich aufgrund eines Regierungswechsels nach 6 Monaten arbeitslos werden würde und somit hautnah die Korruption einer maroden Regionalregierung miterleben konnte?
Wer hätte ahnen können, dass ich in einem Jahr so reich an Erlebnissen, Geschichten und Erfahrungen werden würde, für welche man normalerweise 5 Jahre brauchen würde?
Wer hätte ahnen können, dass ich in Kolumbien eine Leiche finden würde? … aber mehr dazu später ;)…

Zurückblickend muss ich sagen, dass es mir nun vorkommt, als wäre das Jahr schnell vergangen.
Die Ankunft in Lima, das Ankommen in meiner Stadt, Tumbes; das Kennenlernen meiner Gastfamilie, welche für ein Jahr mein zu Hause werden sollte; das Mid-stay Camp nach einem halben Jahr in Lima, der Besuch meiner Familie im Juni, das letzte Treffen in Lima und die Abreise der anderen nach Deutschland, und letztendlich….meine zahlreichen Begegnungen und Reisen.

Lassen wir das letzte Jahr doch einmal schnell Revue passieren, bevor ich von den letzten 5 Wochen, sprich der Reise durch Kolumbien und Venezuela sowie meinen finalen Gedanken vor der Abreise sprechen.

Letztes Jahr im August begann ich also meine Arbeit mit den Jugendlichen in der Schule. Ohne jegliche Spanischkenntnisse versuchte ich den Kindern zu erklären, dass man keine Drogen nehmen sollte, den anderen nicht schlägt weil einem langweilig ist und dass tätowieren mit einer selbstgebauten Maschine unterlassen sollte. Wir unternahmen zwei Reisen nach Ecuador, welche ein tolles Erlebnis waren, da es das erste Mal reisen für die Jugendlichen war und sie sich ungefähr so verhielten, wie ein Kind, dass zum ersten Mal Zuckerwatte probiert. Im Februar nach den Regionalwahlen ging es mit meiner Arbeit leider zu Ende, da die neue Regierung das Projekt einfach beendete und generell die ganze Belegschaft der Regierung durch Freunde und Bekannte austauschte (und sich dann fragen, warum es Krawall gibt und einer in dem Gebäude rumläuft und ein wenig rumballert). So vergnügte ich mir meine Zeit also mit Reisen, Tae-Kwon-Do, lesen (aus lauter Verzweiflung habe ich Teil 1 & 2 von Twilight gelesen…) und wie viele meiner Freunde wissen dürften….viel Internet ;)
Das Leben mit der Gastfamilie stellte sich als nicht sehr einfach heraus, da die Kulturen doch sehr verschieden sind und ich generell auch nicht damit einverstanden war, dass gewisse Wertgegenstände und kleinere Dinge  in meinem Zimmer einen Hang zum Verschwinden hatten…;)
Des Weiteren habe ich festgestellt, dass ich einfach zu alt dazu bin, mein Zimmer mit einem 28 jährigen Arbeitslosen zu teilen. An die Lebensumstände hab ich mich eigentlich relativ schnell gewöhnt. Klar war es anfangs nervig zu sehen, dass es meistens kein Wasser gab und man sich zum Duschen das Wasser mit einem Becher überkippen würde oder der Strom sich alle paar Tage mal verabschiedete, aber so konnte man in seiner westlichen Arroganz einmal sehen, wie der Hase auf der anderen Seite der Kugel läuft. Doch auch dort war nie alles schlecht und ich hatte auch trotz gewisser Probleme mit der Familie schöne Zeiten und tolle Momente, welche mir auch viel beigebracht haben.
Das Highlight des Jahres waren dennoch die zahlreichen Reisen durch Peru, welche mit von der Küste, durch Wüste und Berge bis in den tiefsten Urwald führten, wo ich selbstverständlich auch nicht widerstehen konnte, einem Schamanen einen Besuch abzustatten (wenn schon denn schon ;) ). Das obligatorische Perufoto, Machu Picchu wurde selbstverständlich auch aufgenommen und somit kann ich beruhigt nach Hause fliegen ;)
Ich kann von mir wirklich behaupten, fast jeden Winkel von Peru zu kennen und habe wirklich viel gesehen und gelernt.

Die Zahl der Freunde, die ich in dem Jahr gewonnen habe ist kaum im Auge zu behalten. Da wären zum einen meine wundervollen Mitfreiwilligen. Peru ohne Katja, Birthe, Konstantin und Tobi wäre sicherlich nicht das Gleiche gewesen und so kann ich mich glücklich schätzen, dass ich auf Reisen oder  bei Treffen auf eine schlagkräftige Truppe zurückgreifen konnte. Froh bin ich auch, Tobi im Dschungel nicht an den grünen Kobold der zwischen den Bäumen umherhuschte nicht verloren zu haben, da es mich in Deutschland bei seiner Familie wirklich in Erklärungsnot gebracht hätte….Falls ihr das lest, fühlt euch ge-high-fived und wir sehen uns nächstes Wochenende in Göttingen Jungs und Mädels!!!!

Die andere Gruppe von Freunden lernte ich beim Reisen kennen, wobei sich wirklich gute Freundschaften entwickelten, aus welchen wohl noch viele Reisen entspringen werden. Schon praktisch überall auf der Welt eine Couch zum Schlafen zu haben ;).

Spulen wir die Zeit ein wenig vor und kommen zu dem letzten Tag in Peru. Wie allseits bekannt setzte ich mich in den falschen Flieger und landete anstatt in Frankfurt in Bogota, Kolumbien. Ja meine Überraschung war groß, doch ich entschloss mich es als Wink des Schicksals zu sehen und mich auf die wohl abenteuerlichste Reise zu begeben, die ich bisher in meinem Leben absolviert habe – 5 Wochen Kolumbien und Venezuela.
Mit dem Gesehenen, dem Erlebten, den kennengelernten Personen und den gemachten Erfahrungen könnte ich ohne zu lügen ein ganzes Buch füllen, werde mich aber in diesem Eintrag auf eine flüssige Erzählung basiert auf meiner geographischen Route beschränken.

Los ging es also in Bogota, wo ich mich in ein Hostel begab und sogleich damit konfrontiert wurde, was mich in den nächsten 3 Wochen in Hostels erwarten würde – trinkwütige & zugekokste Touristen, welche den Abend gerne bei kolumbianischen Prostituierten abklingen lassen (natürlich gibt es auch viele andere ;) ). Nach 3 Nächten in Bogota, ging meine Reise nach Medellin, eine Stadt bekannt für die schönsten Frauen Kolumbiens und ein berauschendes Nachtleben. Für mich sollte es ein entscheidender Aufenthalt werden, denn in dem Hostel dort, lernte ich sie alle kennen….die Personen, die diese Reise so extraordinär, so unglaublich, so verrückt, so abgedreht, so unvergesslich machten – Die Crew.
Bestehen sollte die Crew aus folgenden Personalien: Da wäre zum einen der legendäre Aiden Foley, ein verrückter Neuseeländer, den ich schon in Peru traf, welcher mir das beste Trinkspiel aller Zeiten beibrachte „Horse racing“. Dann wäre da der reisesüchtige und mit einem gnadenlosen Humor gesegnete Paul Hughes aus Irland. Dann wäre da noch unsere britische Brigade, Nathalie Whitaker und Paul Schofield. Die Vereinigten Staaten vertrat Donna Aviles. Ich bildete mit Abstand das jüngste Mitglied der Gruppe, da die anderen alle Ü25 aber noch U32 waren, was jedoch natürlich dem Spaß keine Grenzen setzen sollte. Leider hatte diese Gruppe einen hinterhältigen Judas, welcher für viel Aufregung sorgen sollte doch mehr dazu später. Ach ja, die Leiche gibt es ja auch noch! Keine Sorge…wir kommen noch dorthin ;)
Nach dem Genießen des Nachtlebens wurde es also beschlossen, dass „die Crew“ zusammen nach Cartagena reisen sollte (davor machte ich noch einen 2 Tagesausflug alleine, bei dem ich mich 8 Std lang im Wald verirrte ohne Wasser und Ahnung wo ich bin, meine Ausrede, dass ich Survival-Training machte, glaubte mir natürlich keiner-.-).
Nach einer Fahrt durch die Nacht kamen wir also in der alten Piratenstadt Cartagena an und machten uns auf den Weg in unser Hostel und checkten ein. Zu aller Freude gab es ein 6 Bett Zimmer mit 5 freien Betten, sodass wir alle zusammen schlafen konnten (einer war schon nach Taganga vorgereist). Im Zimmer angekommen sahen wir auch schon, dass das Nachtleben wohl ziemlich viel zu bieten haben muss, denn unser Zimmerkumpane lag noch schlafend im Bett. Ja das kolumbianische Nachtleben erfordert seine Opfer. Da in Cartagena eine abartige Hitze herrscht und wir uns generell eklig fühlten wurden die Duschen erst einmal gestürmt. Als ich 30 Minuten später aus der Dusche kam, mein Handtuch aufhängen wollte kaum Paul zu mir und meinte: „Lucas, ich mache jetzt keinen Scheiß, komm ins Zimmer und sag mir ob du meinst, das der Typ noch am Leben ist“. Ich war selbstverständlich ein wenig verwirrt, ging jedoch ins Zimmer und sah mir den schlafenden Mann eine Weile an. So standen wir da, die 2 Pauls und ich, guckten uns den Mann an, welcher ein verdächtig bleiches Gesicht hatte und eine noch verdächtigere weiße Spur neben dem Mund und grübelten über unser weiteres Handeln nach. Auffällig war, dass der Mann seine Brust nicht bewegte, sprich, nicht atmete. Ich entschloss mich also ihn mit Worten und Schnippsen zu wecken – funktionierte nicht, Paul und ich sahen uns an, und dann wurden wir ein wenig panisch und rüttelten ihn…keine Reaktion…Paul und ich sahen uns an, sahen den Mann an, sahen uns an…sahen den Mann an…sahen uns an…sahen den Mann an…und dann sagte Paul das einzige Wort, was dieser Situation gerecht wurde und unser aller Gefühle treffend zusammenfasste: „FUCK!“.
Wir rannten also runter an die Rezeption, wo wir zunächst nur ungläubige Blicke erhielten. Als sie jedoch kapierten, dass wir nicht scherzten war das Gerenne groß.  Kurz gesagt, der Mann hieß Carlos, stammte aus Argentinien und war wohl einer Überdosis des weißen Goldes erlegen. Leider hatte der Gute auch eine 9 jährige Tochter, was das Ganze noch ein wenig tragischer macht. Alle Leute danach fragten mich, bzw. uns: „Wie war es eine Leiche zu finden?!?!“. Ehrlich gesagt, ist es halb so schlimm wie es sich anhört. Natürlich ist es komisch und man macht sich bewusst, was man soeben gesehen hat, aber im Endeffekt ist es nicht SO beeindruckend, wie man meinen sollte. Selbstverständlich machte die Geschichte in der kolumbianischen Hostelwelt ihre Runde und so war die Geschichte schon in Taganga bevor wir es waren, doch bevor uns unsere Geschichte nach Taganga führt, kommt noch eine traurige Episode in Cartagena. Ja, diese Stadt ist verflucht, zumindest war sie das für uns. Als wir von einem Ausflug an den Strand zurückkamen, saß die kleine süße Donna weinend im Bett. Sie erzählte uns, dass ihre Kreditkarte kopiert wurde und einer in „Cali“ 3000$ abgehoben hätte, sprich sie wäre pleite bis die Bank das geregelt hätte. Der Schock war groß, aber glücklicherweise auch unsere Loyalität in der Crew und somit wurde ihr geholfen, Geld geliehen usw. und wir konnten weiterreisen nach Taganga.
Taganga ist ein kleines Fischerdorf, was in Kolumbien für feierhungrige Backpacker und billiges Tauchen bekannt ist. In Hostels serviert der Barkeeper mit dem bestellten Bier auch mal eine Nase Koks, sodass die Partys 2-3 Tage andauern und auch ja keiner abkackt! Nein, der exzessive Kokskonsum ist kein Klischee in Kolumbien :D Ich vertrieb mir meine Zeit in Taganga mit dem Absolvieren der Tauchscheine, wobei ich meine Liebe zum Tauchen entdeckte und somit erstmals auch die faszinierende Unterwasserwelt unseres blauen Planeten erkundigte. Besonders das tiefe Tauchen und das Tauchen bei Nacht waren beeindruckende Erfahrungen! Neben dem Tauchen war eigentlich nichts außer Feiern und entspannen angesagt, was diese 1 ½ Wochen durchaus erträglich machten (davor gemachte Pläne von Ausflügen wurde aufgrund von Faulheit in der Woche verabschiedet). Auch dort lernte ich dufte Typen kennen, wir Jazz aus Australien z.B. der als Hippie schon einmal für ein Jahr in Taganga lebte und als Tauchlehrer arbeitete oder als verschollen galt bei einer Bootreise im bolivianischen Dschungel (Eltern schalteten Botschaft usw ein, weil sie 9 Tage nichts von ihm gehört hatten :D ).

Donna musste uns leider mit Visaproblemen, die wir alle nicht so wirklich verstanden, Richtung Cartagena verlassen, versprach uns jedoch am nächsten Tag wieder zu kommen oder den Tag danach.

Ach, die Judas-Episode! Die darf natürlich nicht vergessen werden!
Nachdem Donna uns verlassen hatte, erhielten wir 2 Tage später eine mysteriöse Nachricht in Facebook von einer uns allen unbekannten Person. Zusammengefasst sagte die Nachricht folgendes: „An alle Freunde von Donna! Habe Donna in Medellin 200 Dollar, da sie sagte, sie hätte ihre Kreditkarte geklaut bekommen. Donna ist einfach abgereist und antwortet mir seitdem nicht auf Nachrichten oder sonstiges. Weiß irgendjemand wo sie sich aufhält? Rate jedem ihr kein Geld zu leihen!! Usw. bla bla bla etc. „

Die Nachricht wurde an alle ihre Facebook-Freunde geschickt. Wir lasen die Nachricht mehrmals und waren geschockt. So etwas über einen Freund zu lesen ist schockierend, da man es ja nicht sofort glaubt und auch nicht glauben möchte…und doch machten die Details Sinn!
Plus die Tatsache, dass sie Paul und Nathalie auch noch Geld schuldete und aufgrund mysteriöser Visaprobleme abgereist war und keiner seitdem was von ihr gehört hatte…war es wirklich möglich, dass dieses kleine unschuldige Mädchen eine hinterhältige Betrügerin ist?
Ja, das war es. Leider Gottes gibt es auch Reisende, welche auf solche Mittel zurückgreifen, um sich ihre Reise zu finanzieren, so traurig es auch ist. Da ist man mit jemand knapp 3 Wochen unterwegs, lacht zusammen, hat gute Zeiten, findet eine Leiche, lernt sich kennen, geht zusammen feiern und dann sowas!!!!!! Man ist fast dazu geneigt den Glauben in das Gute zu verlieren. Ein wirklich harter Schlag.

Nun ja, dies war die Geschichte unseres Judas in Kolumbien. Für mich musste die Reise leider weitergehen und der schmerzende Abschied von meinen liebgewonnenen Freunden stand bevor. Es war wirklich schwer sich zu trennen aber ich wollte nach Venezuela, ein Land das bei fast allen Reisenden in Südamerika gemieden wird und meine Freunde reisten in Kolumbien  oder Richtung Mittelamerika weiter.

Nach 3 Wochen hieß es nun also alleine reisen für mich und so setzte ich mich in den Bus, der mich von Santa Marta (Kolumbien) nach Maracaibo (Venezuela) bringen sollte.
Davor noch ein paar Infos zu dem Land Venezuela. Wie allseits bekannt ist der Sozialismus die dort herrschende Regierungsform, was für den 08/15-Reisenden ein paar Probleme mit sich bringt. Das Hauptproblem ist das Geld. Bezahlt wird mit Bolivares, welche jedoch an einen von der Regierung festgesetzten Kurs gebunden sind. Ein Dollar sind offiziell ungefähr 3 Bolivar. Die Währung ist jedoch völlig überbewertet, weshalb es auf dem Schwarzmarkt für einen Dollar 7-8 Bolivares gibt. Wenn man nun also an einen Bankautomaten geht, und dort Geld abhebt, geschieht dies unter dem offiziellen Kurs. Würde man 100 Dollar abheben, würde man also 300 Bolivares kriegen. Auf dem Schwarzmarkt aber, wären 100 Dollar mindestens 700 Bolivares! Man verliert also die Hälfte des Geldes! Das gleich gilt für das Bezahlen mit Kreditkarte. Die einzige Möglichkeit ist deswegen mit viel Bargeld einzureisen (was natürlich in einem Land wie Venezuela sehr riskant ist, da die Kriminalitätsrate extrem hoch ist) und es auf dem Schwarzmarkt zu tauschen. Nun denken vielleicht einige von euch: „Ach dann verliert man halt ein wenig Geld, tut schon nicht weh für die kurze Zeit“. Falsch. Ein kleines Beispiel: Eine Bier kostet 8 Bolivares. Nach dem offiziellen Kurs, wären das 2,50$. Nach dem Schwarzmarktkurs jedoch, wäre das 1 Dollar. Ihr seht also, warum Bankautomaten und Kreditkarte in Venezuela keine Option sind, da man wirklich Geld verliert.
Des Weiteren hat der gute Mann Hugo Chavez sich eine eigene Zeitzone zugelegt und so laufen die Uhren 30 Minuten anders als im Rest von der Welt ;)

Nun aber zurück zu meiner Reise durch Venezuela. An der Grenze sprang ich aus dem Bus, rannte in das Büro holte mir den Stempel, rannte dem Bus nach, sprang rein und weiter ging die Fahrt. Nach einer Stunde in Venezuela, beim nachdenklichen aus dem Fenster schauen, erschlich mich ein Gedanke. Ich war aus dem Bus gesprungen und hatte mir den Stempel abgeholt..soweit so gut…aber….man braucht doch 2 Stempel!!! Ich brauch doch die Aufenthaltsgenehmigung für Venezuela!!! Dort saß ich nun also im Bus, illegal in Venezuela und überlegte was ich tun sollte! Ich hätte mir wahrhaftig Schöneres vorstellen können, als mich illegal in Venezuela aufzuhalten, ein Land welches bekannt für korruptes Militär ist. Das unausweichliche geschah auch sofort. Venezuela ist voll mit Militärkontrollpunkten und natürlich wurde ich beim ersten überprüft und aus dem Bus geholt. „Naaa toll, und los geht der Spaß“ war alles was ich dachte. In meinem Kopf würfelte ich schon mit Zahlen, um herauszufinden, wie viel es mich kosten würde straffrei an die Grenze zurückzureisen um mir den Stempel zu holen.
Der unfreundliche Beamte, der mich aus dem Bus holte, und mir meinen Reisepass wegnahm, orderte den Bus natürlich an ohne mich weiterzufahren und lief erst einmal mit meinem Pass weg. Ich natürlich auf ihn einredend hinterher und erkundigte mich, was nun geschehen würde. Er, ignorierend, dass ich Spanisch auf ihn Einsprach „Money, money, money“. Ich ignorierte diese Aufforderung und redete weiter auf ihn ein. „200 Dolares“ plump antwortete ich „Hab ich nicht“, darauf fragte er: „Wie viel hast du?“, worauf ich wieder antwortete „Keine Ahnung“. Meine Bereitschaft diesem fetten korrupten Beamten Geld zu geben war gleich 0 und so wollte ich mich nicht kampflos ergeben. Nach einigen Minuten kam das Militär dazu und ich dachte mir nur: „Oh weia…“.

Glücklicherweise, kamen zu viele Personen dazu, sodass der Beamte nicht mehr nach Geld fragen wollte, und so erhielt ich meinen Reisepass zurück, mit der Aufforderung mich auf den Weg zur Grenze zu machen. Soweit so gut dachte ich mir und positionierte mich auf der anderen Straßenseite um auf einen Bus zu warten. Nach 30 Minuten fragte ich einen Soldaten, ob hier den Busse kämen um diese Zeit (8 Uhr abends)…“nein“….Taxis?...“nein“…wie komme ich zur Grenze?...“anhalter“. Nun bin ich ja wirklich ein Fan von abenteuerlichem Reisen, aber in der Dunkelheit, in Venezuela, nahe der Grenze, mit all meinen Sachen, Kamera, Netbook, Bargeld, Karten usw. per Anhalter zu reisen…das ging nun wirklich zu weit :D
Es dämmerte mir, was mir bevorstand. Ich müsste wohl oder übel die Nacht hier verbringen, und am nächsten Tag auf einen Bus Richtung Grenze aufspringen. Ich akzeptierte mein Schicksal und machte es mir am Rand der Straße, im Licht der Laternen des Stützpunktes bequem, legte mich hin, holte mein Buch heraus, in der Hoffnung, dass die Stunden schnell vergehen würden. Währenddessen beobachte ich, wie Lastwagenfahrer mit Schmuggelgut die Soldaten bestachen, um durchgelassen zu werden. Nach 2 Stunden gesellten sich ein paar Soldaten zu mir, erkundigten sich nach meiner Situation, gaben mir ein Stück Pizza und einen Kaffee und so saß ich in Venezuela auf der Straße, aß Pizza und trank Kaffee und lachte mit ein paar Soldaten über meine Geschichte. Eine absurde Situation.

So gegen 11 hatte einer der Soldaten Erbarmen mit mir, und bot mir an in einem Feldbett im Zelt zu schlafen. Dankend nahm ich an und so genoss ich die Nachtruhe in einem Feldbett der venezolanischen Armee (Danke Hugo
J ).

Gegen 1 Uhr nachts weckte mich ein Soldat und sagte ein leerer Bus wäre gerade auf dem Weg zurück zur Grenze und sie hätten mit dem Fahrer gesprochen, er würde mich mitnehmen…es war der gleiche Bus, der mich Stunden zuvor hier gelassen hatte :D Gegen 2 war ich nun also zurück bei der Grenze, holte mir meinen Stempel (wobei ich nochmal diskutieren musste, um dem Beamten nichts für den verdammten Stempel zu bezahlen). Danach hieß es für mich bis morgens warten. So verbrachte ich die Nacht dort also auf der Straße, wobei ich mich anstrengte, nicht einzuschlafen und somit Beute für Diebe zu werden. Um 8 Uhr morgens setzte ich mich in ein Taxi nach Maracaibo, glücklich, dass diese Reise weitergehen konnte! Im Taxi mit mir, saß eine Kolumbianerin, welche gerade illegal nach Venezuela geschmuggelt wurde (wurde mir erst nach der Grenze klar) und so durfte ich wieder miterleben, wie innerhalb von 1 Stunde bei 10 Kontrollen, 10 Polizisten oder Soldaten bestochen wurden :D Herrlich :D

Dies war meine Militär-Episode der Reise. Eine von den Erfahrungen, die in dem Moment schrecklich sind, aber danach für viele Lacher sorgen und somit eine tolle Geschichte sind ;)

Per Bus ging es nun weiter nach Merida, wo ich per Gleitschirmfliegen den venezolanischen Luftraum erkundigte. Nicht wirklich angetan von den Bergen entschied ich auch sofort weiterzureisen und so setzte ich mir das Ziel „Nachtbus nach Ciudad Bolivar“, von wo aus ich den höchsten Wasserfall der Welt besichtigen wollte, den „Salto Angel“.
Natürlich konnte es nicht ganz so einfach sein und von daher hatte ich eine weitere spannende Erfahrung auf meinem Weg dorthin.
Am Busterminal, gab es natürlich keine Tickets mehr, jedoch versicherte mir der gute Mann, dass ich illegal beim Busfahrer mitfahren könnte, also vorne versteckt. Da dies besser als in der Stadt feststecken war, nahm ich dankend an und so wartete ich auf den Bus. Nach 5 Std Verspätung kam er um 3 Uhr nachts auch endlich an und so konnte es losgehen. Beim Warten auf den Bus lernte ich jedoch eine junge Venezolanerin kennen, welche natürlich über meine bisherige Reise in Venezuela herrlich lachte. Bevor wir also in den Bus einstiegen rannte sie zum Fahrer und sagte, dass sie mit mir tauschen wolle. Sie wolle an meiner Stelle unten fahren, sodass ich oben auf einem Sitz fahren könne. Ich sagte natürlich, dass dies inakzeptabel sei doch sie bestand darauf und wurde ein wenig zornig mit mir und so befolgte ich den Befehl und lies mich auf einem bequemen Sitz nieder…
Selbstverständlich hatte der Bus eine Panne und es wurde klar, dass ich erst sehr spät in Ciudad Bolivar ankommen würde. Das gefiel meiner neuen Freundin gar nicht, da Ciudad Bolivar ihrer Meinung nach zu gefährlich wäre um nachts um 1 anzukommen und ein Taxi zu nehmen, ohne zu wissen wo es hingeht und so lud sie mich ein im benachbarten Ort bei ihr und ihrer Familie zu schlafen. Ein Anruf bei ihrer Mutter und es war beschlossene Tatsache.

So stand ich also um 3 Uhr nachts in Upata, Venezuela, bei einer fremden Familie im Haus und lachte mal wieder über meine Militärgeschichte (die Venezolaner lieben diese Geschichte). Da es spät war wurde ich in mein Gemach geführt, und konnte mich nach 24std Bus in ein Bett legen und schlafen. Am nächsten Tag frühstückten wir gemeinsam, verbrachten den Tag zusammen und gegen Abend machte ich mich auf nach Ciudad Bolivar mit dem Versprechen sie nicht zu vergessen und irgendwann wieder zu kommen.

Die Familie hat nicht viel Geld, das Haus ist spärlich eingerichtet und geduscht wurde wieder einmal mit dem Becher…aber die Tatsache, dass sie einen fremden, nachts bei sich zu Hause aufnehmen, mich behandelten wie Familie, wir zusammen aßen und lachten als würden wir uns schon Jahre kennen, hat diese Familie für ewig in mein Gedächtnis und Herz gebracht und ist vor allem der Beweis,  wie glücklich Menschen leben können, die hart arbeiten und nicht viel haben, jedoch dazu bereit sind, dass was sie haben mit anderen zu teilen und zu helfen wo sie nur können.
Eine wahrhaft unvergessliche Erfahrung, welche mich viel über das Leben gelehrt hat und eine neue deutsch-venezolanische Freundschaft geformt hat.
Dies war meine Familien-Episode in Venezuela. Nun hieß es für mich 3 Tage Dschungel auf der Tour zum höchsten Wasserfall der Welt.

Die Tour bestand aus 3 Teilen, einem Flug nach Canaima, einer Bootfahrt ins Herz des Dschungels und einer Wanderung zum Wasserfall. Diese Tour ist mit Abstand die Schönste die ich je gemacht habe! Der Fluss auf dem wir fuhren funkelte in einer dunkelroten Farbe, was ich noch nie zuvor gesehen hatte und die venezolanischen Tafelberge bildeten eine beeindruckende Kulisse. Der Wasserfall selbst ist ein beeindruckendes Spektakel. Das Wasser fällt aus einer Höhe von 982m auf den Boden und ist eines der Dinge im Leben, die man sich Stundenlang ansehen kann. Nach einer langen Fotosession ging es auch zurück ins Lager.
 Auf der Tour lernte ich auch einen Engländer und Norweger kennen und wir verbrachten die Nacht damit, uns gegenseitig aus Hängematten zu flippen. Eine nun offiziell anerkannte Sportart!

Leider hieß es danach für mich wieder alleine reisen und so machte ich mich auf den Weg nach Tucacas, wo ich mich an der Karibik entspannen und ein wenig tauchen gehen wollte. Schnell stellte ich fest, dass ich wohl der einzige Backpacker dort war und auch die einzige Personalie im Hostel darstellte. Nach einem Tag am Strand, wo ich feststellte, dass selbst der schönste Karibikstrand langweilig ist und alleine sein sowieso doof ist und zu allem Überfluss auch das Tauchen nicht stattfinden würde (Mangel an Leuten), entschloss ich  weiter zu reisen.

Mein Plan nach Puerto Colombia zu reisen scheiterte daran, dass ein Erdrutsch die Straße zerstört hatte vor einer Woche und so stand ich da, wieder einmal dazu gezwungen eine Planänderung vor zu nehmen. Da ich nun fast am Ende meiner Reise angelangt war, meine Lust nach Hause zu fliegen die Lust des Sightseeings bei weitem überstieg und ich generell nur noch chillen wollte, machte ich machte ich mich auf den Weg zu meinem letzten Aufenthalt in Südamerika: Caracas, Hauptstadt Venezuelas, Spieltempel von Hugo Chavez!

Dort checkte ich in das kleinste Hostal ein, dass ich je gesehen hatte. In dem „Hostal“ befanden sich 3 Betten :D Das Hostal ist das Apartment eines jungen Ehepaares, dass sich dachte, dass es so ein paar Kröten mehr machen würde. Es liegt perfekt, inmitten des Zentrums, hat einen großen Flachbild-TV, Blu-ray Player, Nintendo Wii, Surround Sound Anlage und WiFi. Man hängt hier im Wohnzimmer ab und erzählt mit dem Ehemann oder guckt Filme oder Kabel-TV. Es ist praktisch wie ein zu Hause außerhalb von zu Hause und somit genau das was ich brauchte nach meinen 13 Monaten in Südamerika. Einfach nur entspannen, Seele baumeln lassen und das letzte Jahr Revue passieren lassen.

Hier sitze ich nun also am letzten Tag, Stunden bevor dem Flieger und Tippe meine letzten Worte für meinen Blog der, ja ich gebe es zu, oft vernachlässigt wurde und nicht ganz so komplett endete, wie ich es mir gedacht hatte. Ich denke jedoch, dass ich mit diesem letzten Bericht einen passenden Schluss biete und somit hält sich mein schlechtes Gewissen in Grenzen. Im Endeffekt symbolisiert dieser Blog das ganze vergangene Jahr. Ich dachte ich würde brav jede Woche Blog schreiben, doch es kam anders. Genauso wie alles in dem Jahr anders kam als zuvor gedacht. Alles geriet außer Kontrolle und bahnte sich eigene Bahnen, baute eigene  Straßen die ich begehen musste um nun hier anzukommen.

Ich habe in meinem Jahr im Ausland viel gelernt. Ich habe gelernt wie das Leben in der 3. Welt aussieht und wie arrogant wir uns im Westen verhalten. Ich habe viel über Freundschaft gelernt.
Ohne meine Freunde in Deutschland und meine neu dazu gewonnenen Freunde in Peru wäre es für mich in dem Jahr knapp geworden und ich weiß nicht wie manche Situationen ohne die Unterstützung und Hilfe meiner Freunde ausgegangen wären. Ja man verliert manche Leute bei so einem langen Aufenthalt, man verliert viel von seinem vorherigen Leben zu Hause und in dem Moment des Verlierens ist es hart. Das liegt vor allem daran, dass man in diesen Momenten das große Ganze noch nicht erkennen kann. Für jede Person die man verliert, gewinnt man eine neue dazu und dies ist der Lauf des Lebens, ein Kreislauf an dem man nichts ändern kann. Alles was man versuchen kann ist sein Bestes zu geben, sodass manche Personen für immer in diesem Kreislauf erhalten bleiben. Viel gelernt habe ich auch über mich selbst. Mein Geist wurde am Anfang  des Jahres durch die Verluste und die Umstellungen gebrochen um im Laufe des Jahres durch das dazu gewinnen von neuen Erfahrungen & Personen wieder zu wachsen. Zu einer neuen Größe mit einer Stärke unvergleichlich zu der davor. Alles was ich sah, was ich hörte, was ich erlebte, formte mich zu einer neuen Person. Man wirft alte Ansichten weg und erneuert sie mit den neuen Erkenntnissen, welche es einem ermöglichen als Person zu wachsen. Wenn man mit anderen Auslandsveteranen redet, ist man sich immer bei einer Sache einig: Am Ende des Jahres fühlt man sich, als wäre man in einem Jahr 10 Jahre älter geworden. Dies nicht im Sinne des körperlichen Verfalls sondern im Sinne des Reifeprozesses eines jeden selbst.

Das Jahr ist komplett anders verlaufen als ich es im Voraus geplant hatte. Eine Tatsache für die ich dankbar bin. Ich möchte keine der gemachten Erfahrungen missen und bin nun an dem Punkt, an dem ich das große Ganze sehen kann. Ich kann nun die ganzen einzelnen Punkte, welche verschiedene Ereignisse darstellen, zu dem fertigen Bild verbinden. Alles ergibt einen Sinn, alles ist so gekommen, wie es kommen musste um mich an diesen Punkt zu bringen.

„Wenn man auf Reise ist, mit einem Ziel vor Augen, ist es sehr wichtig den Weg aufmerksam zu betrachten. Der Weg ist es, der uns die beste Form des Ankommens lehrt und uns während des Beschreitens bereichtert“ – Paolo Coelho

Diese Lektion habe ich in Südamerika gelernt. Der Weg zu einem Ziel, ist oft wichtiger als das Ziel selbst. Der Weg ist es der lehrt und aufzeigt! Was wäre meine Reise in Venezuela ohne die Militär und Familien-Episode die auf dem Weg zu meinen Zielen geschahen? Diese Erlebnisse haben mir mehr beigebracht als jeder Tempel. Der Weg ist es, der einem die persönliche Entwicklung ermöglicht, das persönliche Reifen. Oft ist er steinig und schwer erkennbar aber wenn man ihn ohne Angst und mit offenen Augen begeht wird er einen letztendlich ans Ziel führen. Eine Person kann niemals den gleichen Weg gehen. Jeder muss seinen eigenen begehen um am Ende an sein persönlichen Ziel zu gelangen, denn ein altbekanntes Sprichwort verrät ja auch, dass viele Wege nach Rom führen.

Ich bin nun am Ziel dieser Etappe meines Lebens angekommen. In Deutschland wird mit dem wieder einleben, dem Umzug nach Heidelberg und natürlich dem Studium eine neue Etappe beginnen. Ein neuer Weg den es zu begehen gilt.

In wenigen Stunden setze ich mich in den Flieger und morgen um 18:20 werde ich deutschen Boden berühren...meine Leute wieder sehen und ein neues Kapitel beginnen!

Beenden werde ich dieses Kapitel mit einem Zitat aus einem weiteren Buch, welches ich einst las und nie wieder vergaß.

„Das Leben dealt einem manchmal eine verrückte Hand. Spielt man sie ruhig aus, bluffed wie verrückt oder geht All-in?“

…ich ging All-In! ;)

Dienstag, 14. Juni 2011

Nachdem ihr euch nun ein Bild von meinem Dschungelaufenthalt machen konntet und ich auch schon einige Male die Namen „Projekt“, „Orlando“, „Pichin“ und „Emith“ fallen lassen haben, folgt nun der Artikel der diesbezüglich für Klarheit sorgen wird.
Wie bereits erwähnt, verbrachten Tobias und ich einige Tage in Orlandos Projekt “Cerelias“, wobei wir das Projekt kennenlernten, Orlando beim Arbeiten zusahen und vor allem auch Zeuge einer unglaublichen Passion wurden!
Vielleicht sollte ich erst einmal mit dem Hauptprotagonisten dieser Geschichte beginnen: Orlando Z…
Vor ungefähr 15 Jahren beschloss dieser, dass er etwas gegen die rücksichtslose Jagd und den Verkauf von bedrohten und (unbedrohten) Tierarten aus dem Regenwald machen müsste. In Peru ist es Gang und Gebe die Tiere im Wald zu fangen und auf Märkten zu verkaufen. Hierbei wird keinerlei Rücksicht genommen und so finden sich von Affen, über Schildkröten, bis zu Caymanen alle Tierarten lebend oder gehäutet auf den Märkten wieder. Für einen Tierliebhaber wie Orlando sind solche Anblicke unerträglich und so begann er wann immer es ihm möglich war, die Tiere zu kaufen und wieder in die Wildnis auszusetzen. Was als gelegentlicher Akt begann wurde schon bald zu einer „Sucht“. Er kaufte immer und immer mehr Tiere und setzte diese aus, wobei sein finanzieller Haushalt sich immer mehr dem Ende näherte. Doch auch das konnte diesen Mann von seiner Berufung nicht stoppen und so begann er Hab und Gut zu verkaufen, um von diesem Geld mehr Tiere aufkaufen zu können. Zu dieser Zeit arbeitete er unter anderem als Touristenführer und so nutzte er seine Touren, um die Tiere wieder in ihr Habitat zurück zu führen. Über die Jahre verkaufte Orlando so ziemlich alles was er besaß und widmete sein Leben der Rettung der Tiere. Als nun alles von Fernsehen bis Haus verkauft war, wurde klar, dass es so nicht weitergehen könnte und so bahnte sich 2006 eine Kursänderung an. In der Stadt „Tarapoto“ gab es ein Regierungsprojekt der peruanischen Regierung, welches mit dem Schutz und der Konservierung des dort ansässigen Regenwaldes beauftragt wurde. Orlando konnte sie überzeugen ihn inmitten des Regenwaldes wohnen zu lassen, um dort seine Arbeit mit den Tieren fortzusetzen und vor allem auch zu der Repopularisierung des Waldes beizutragen, da vor allem jener nahezu leer gejagt wurde. So bezog Orlando also eine kleine Holzhütte, in welcher er nun seit 4 Jahren wohnt und dort in einem Zelt schläft (Bett wurde ja auch verkauft). Die Küche besteht aus einem aus Holz selbstgebautem Schrank sowie einer Feuerstelle, in die es nur leider reinregnet, da auch kein Geld vorhanden ist, um das Dach der Hütte zu reparieren. Die paar Besitztümer die er noch besitzt sind zum größten Teil Geschenke von ehemaligen Besuchern, die z.b. Decken oder Taschenlampen dar ließen. Gewaschen und gebadet wird im Fluss, von wo Orlando auch sein Wasser zum Trinken hernimmt. Eine weitere Hürde stellt die Logistik da. Selbstverständlich müssen die Lebensmittel auch zu der Hütte transportiert werden (ihr erinnert euch? 2 Std Wanderung mit 13 Flussüberquerungen?). Hierfür werden Träger engagiert, welche auch jeweils 30 Soles kosten. Vielleicht erinnert ihr euch auch noch daran, dass ich ihm letzten Artikel beschrieb, dass wir aufgrund des Regens fast nicht zurückkehren konnten, da der Fluss zu sehr anstieg. Das war in der Trockenzeit. In der Regenzeit, wenn es tagelang regnet und die Flüsse es unmöglich machen sie zu überqueren, können logischerweise auch keine Lebensmittel an die Hütte gebracht werden…

Ich glaube die angefügten Bilder sagen genug über Orlandos Lebensweise aus, und es bedarf keiner weiteren Kommentare, um zu erklären, was dieser Mann für seine Überzeugung geopfert hat. Er ist aus der Stadt und von seiner Familie weg in den Wald gezogen, sodass er dort seine Arbeit mit den Tieren fortführen kann. Ein Mann der jeglichen Lebensstandards entsagte und sich mit der Lebensweise eines Einsiedlers im Dschungel begnügt, wobei er jegliches Denken an seine eigene Person zurückstellt und die Tiere vor seiner selbst stellt. Für uns waren es witzige Tage im Dschungel, „Leben ohne irgendwas, wow wie aufregend! Das Essen ist durch den Regen verdorben, weil das Dach undicht ist? Yeaaah essen wir eben nichts!!!“. Für uns mag es ein Abenteuer gewesen sein, für Orlando ist dies das normale Leben. Ein waren Exempel für Willenskraft, Überzeugung und Passion.


Kommen wir nun also zu seiner momentanen Arbeit.

Die Regierungsinitiative für welche er Arbeit ist leider wie so ziemliche jede regierungsgeleitete Initiative, die nicht direkt in Lima ansässig ist – ineffektiv und auf sich alleine gestellt.

Eigentliche Aufgabe wäre Schutz der Flora und Fauna des Waldes, sowie wie oben angedeutet die „Wiederbelebung“ des Waldes. Leider nehmen nicht sich nicht alle Mitarbeiter der Organisation diese Aufgaben zu Herzen und somit ist Orlando was die Sache der Fauna angeht vollkommen auf sich alleine gestellt. Orlando beschäftigt sich mit der Überwachung der vorhandenen Tiere und kümmert sich um verwundete oder aus der Stadt aufgekaufte Tiere, um sie wieder behutsam in ihr natürliches Umfeld einzuführen. Doch wie leider häufig im Leben hapert es an den finanziellen Mitteln. Zur Zeit erhält Orlando von der peruanischen Regierung einen Mindestlohn (ca 640 Soles, wenn ich mich richtig erinnere), von dem er für sich UND die Tiere sorgen muss. Genau genommen bedeutet dies, dass von 640 Soles Nahrung, Medizin und sonstige benötigte Kleinigkeiten gekauft werden müssen und ich glaube wir können uns alle darauf einigen, dass 160€ im Monat nicht sehr viel ist, auch nicht in Peru. Nun kommt noch hinzu, dass Orlandos Tochter an Krebs leidet und er 500S von diesen 640S jeden Monat zu seiner Tochter schickt, um sie bei den Kosten der Chemotherapie zu unterstützen. So bleiben ihm und den Tieren also 140S im Monat…35€.
Das dies hinten und vorne nicht reichen kann ist wohl jedem klar und so kommen wir auch zu einem weiteren Phänomen an diesem Mann. Er isst nicht bevor seine Tiere nicht gegessen haben (es ist wahr, wir waren dabei). Seine Liebe zu den Tieren geht soweit, dass er auf Essen für Tage verzichten, sodass die von ihm gepflegten Tiere essen können. Keine weiteren Erklärungen nötig.
Als wir dort waren, konnten wir ihm dabei zusehen, wie er sich um ein verletztes Dschungelschwein kümmerte, einen aus der Stadt befreiten Papagei wieder in die Freiheit führte und „seine“ Herde an Dschungelschweinen kontrollierte. 
Was auffiel, war, dass dieser Mann die Sprache der Tiere beherrscht und diese ihn auch verstehen. Wir wurden mehrmals Zeuge davon, wie er mit den Tieren redete und sie ihm gehorchten. Einmal brach er einen Kampf zwischen 2 wilden Dschungelschweinen ab indem er sich in die Mitte stellte (kleine Info: 3 von den Schweinen können einen Menschen töten und auseinandernehmen, riesen Hauer haben die Dinger :D). Ein anderes Mal befahl er einem der Schweine sich hinzulegen, sodass er ihm die Medizin auf die Wunden auftragen konnte und es war einfach beeindruckend zu sehen, wie tief eine Verbindung zwischen Mensch und Tier sein kann. 
Kommen wir zu den 2 anderen Personen, welche sich seit kurzem auch in diesem Projekt einbringen. Zum einen wäre da „Pichin“, der Cousin Orlandos, welcher seit über 30 Jahren nichts von Orlando gehört hatte und beim Hören dieser Geschichte sich auf den Weg nach Tarapoto machte, um es mit eigenen Augen zu sehen. Völlig fasziniert von dem was er sah und sowieso auf der Suche nach einer Aufgabe im Leben (ein Mann mit einer fesselnden persönlichen Geschichte und seinem „Vertrag“ mit Gott), entschied er sich kurzerhand dazu dort zu bleiben und Orlando mit seinen eigenen Mitteln zu unterstützen, sowie für Tourismus zu sorgen. Die andere im Projekt ist „Emith“. Eine bezaubernde, naturliebende Frau, welche es in ihrem Leben schon durch ganz Südamerika, in die USA, nach Europa und für 4 Jahre nach Indien getrieben hatte und nun aber wieder in Peru Fuß fassen will und großzügiger Weise einen Großteil ihrer Freizeit und Energie dem Projekt widmet. Mit diesen zwei Menschen hat Orlando nun kräftige Helfer zur Seite, und so konnten dieses Jahr, genauer genommen, als wir da waren beachtliche Erfolge erzielt werden. Ein Problem des Projektes war es, dass es keine offiziellen Spenden sammeln konnte, da es ja nur ein Teil der Regierungsinitiative war, und somit an Regierungsgelder gebunden war, die es nur leider nie gab. Durch einen langen bürokratischen Kampf gelang es ihnen jedoch nun sich zu einem unabhängigen Projekt zu erklären und somit und unabhängige Spendenarbeit betreiben zu können. Wir kennen doch alle das Gefühl, dass manchmal im Leben zu einem gewissen Zeitpunkt alles perfekt zusammenläuft und man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, richtig? Genau so ging es uns mit diesen 3 Personen. Mein Freund Tobias hatte in Deutschland spenden für einen guten Zweck in Peru gesammelt, welche er nun nach eigenem Ermessen an verschiedene Projekte in Peru verteile. Von diesem Fond blieben ihm noch 1000Soles, welche er bereit war an dieses Projekt zu spenden. Ihr hättet die Gesichter dieser Personen sehen sollen. Pure Freude, pure Begeisterung und pure Dankbarkeit! Zufälligerweise, waren gerade in dieser Woche die benötigten Papiere eingetroffen und es waren nur noch die Rechnungen zu bezahlen, bevor die Unabhängigkeit gültig wurde. Da jedoch wie vorhin erwähnt finanzielle Mittel in diesem Projekt mehr als knapp sind, erwies sich dies als weitaus schwieriger als anfangs angenommen. Besagte Rechnung betrug sich auf 880Soles. 
In Zukunft wird nun der Status einer NGO (Non Governmental Organisation) angestrebt und in 1-2 Jahren soll dieser Schritt erreicht werden. Mit dem Erlangen dieses Status währen sie in der Lage auch sich für Unterstützung von großen NGOs und Fonds zu bewerben und somit im großen Stile unterstützt zu werden. All dies ist jedoch ein langer Prozess und vor allem ein Kampf mit der Bürokratie. Nun sind erst einmal alle froh die Unabhängigkeit erreicht zu haben. Ein wahrhaft großer Schritt wenn man bedenkt, wie alles anfing.



Wie immer muss ich mich selbst bremsen, nicht viel zu viel zu schreiben, da ich sonst auch eure Aufmerksamkeit verlieren würde ;) also komme ich langsam zu meinem Schlussplädoyer ;) 

Viele von euch werden nun vielleicht denken, dass dies ja alles schön und gut wäre, aber im Endeffekt nur ein weiteres Projekt in einem 3. Welt Land.
Ja, es ist nur eins von vielen Projekten, aber es ist das erste Projekt, von dem ich selbst persönlich völlig überzeugt bin und auch einen wirklichen Sinn darin sehe (und ich habe jetzt hier schon einige Projekte gesehen ;)). Was dieses Projekt so besonders macht sind die Menschen die darin arbeiten bzw. die völlige Hingabe Orlandos. Noch nie in meinem Leben bin ich einem Menschen begegnet, welcher mit solch einer Liebe für die Tiere geboren wurde und bereit war alles seiner Berufung zu opfern. Ich weiß nicht wie eure Erfahrungen mit solchen Begegnungen aussehen aber Orlando ist einer dieser Menschen, in denen ein Feuer brennt. Ein Feuer, welches ein Licht um alles um sich herum wirft und unglaublich abfärbt. Er könnte stundenlang über den Wald und die Tiere reden, Vorschläge zur Verbesserung des Projektes machen oder über die perfekte Zukunft des Projektes philosophieren. Eben darum sind Tobias und ich auch so überzeugt von diesem Projekt, da wir mit eigenen Augen alles gesehen haben was passiert, die Menschen kennen und vollkommen vertrauen. Wir haben die Rechnungen gesehen, die von der Spende bezahlt wurden, wir haben Konfirmation, dass das Dach wie versprochen von dem übrigen Geld repariert wurde und diese 3 Menschen haben auch nach dem Aufenthalt im Projekt bewiesen, dass wir vollkommen auf sie zählen können. Es war einfach nur hinreizend, wie sie sich um uns sorgten, die ganze Woche über begleiteten und auch in Extremsituationen unterstützten (Schamane). Ich übertreibe nicht, wenn sich in dieser Woche eine wahre Freundschaft entwickelte und auch deswegen liegt es Tobi und mir am Herzen zu helfen. 
Wie kann man helfen?



1) Man könnte dort einige Tage als Tourist verbringen wie wir. Das Geld was bezahlt wird ist für die Parkgebühren, das Essen sowie für Orlando. Keine Sorge, ihr werdet sofort sehen, wo das Geld hinwandert.
2) Wer da war: WERBUNG! Gebt diesem Projekt Aufmerksamkeit und werbt für es. Ich kann mir kaum jemanden vorstellen, der nicht von diesen 3 mit dem Helfersyndrom angesteckt wird!
3) Spenden. Schlicht und einfach, die banalste Methode der Unterstützung. Eine Spende.

Dies ist wirklich eine der Sachen, für die es sich lohnt zu kämpfen. Wer dort war wird seine Begegnung mit Orlando und den Tieren nie wieder vergessen und eine völlig andere Sichtweise auf die Welt erhalten. Vor allem aber werdet ihr mit einem Menschen konfrontiert, welcher sein Leben einer Sache widmet, an die er glaubt, etwas, dass gerade für uns aus dem „reichen Westen“ eine beeindruckende Erfahrung ist. Ihr werdet mit einem Menschen konfrontiert, in welchem ein Licht brennt und welcher eines in euch entzünden wird. Zum Abschluss moechte ich nur noch erwaehnen:
In den letzten 15 Jahren, hat Orlando schaetzungsweise 3000 Tiere befreit....



Nachdem was ihr nun wisst, meint ihr dieser Mann hat alles verloren, oder alles gewonnen? 

"In dir muss brennen, was du in anderen entzuenden willst." - Aurelius Augustus
PS: Falls sich jetzt irgendeiner meiner Leser dafür interessiert zu spenden, könnt ihr mich gerne anschreiben, und ich werde euch mit Infos versorgen. Spender werden desweiteren mit vorher-nachher-fotos und  Rechnungen versorgt, somit auch gezeigt wird, dass das Geld nicht im Sand verläuft ;) Ich wiederhole, ich bürge für dieses Projekt und vor allem diese wundervollen Menschen

PS2: Oye Papa Pichin! Si lo estas leyendo dejame saber lo que piensas ;) Los extrano mucho! Gracias por todo!



PS3: Wer den Artikel gelesen hat und Facebook hat, postet bitte unter den Artikel “gewonnen” oder verloren”, je nachdem was eure Meinung ist. Würde mich wirklich interessieren.

...weitere Infos zum Projekt: Google: Orlando Zagazeta und http://cereliasperu.blogspot.com/




Orlando mit einem seiner Tiere die er pflegt

Pichin mit Coucou...wie er schreit der Kleine :)

das Wohnzimmer...

die Kueche bei Regen...kochen unmoeglich :P

Pichin in der Kueche...das Dach wurde jz repariert :)

Kuechentisch

Pichin beim Bau einer Kruecke fuer Tobi die Nudel...weil er auch einfach so ungeschickt ueber dne Fluss rennt :D

Orlandos Anwesen..

trocknet nie die Waesche im Dschungel...einfach nie-.-

sein Allzweckschrank :) Modell: Selbstgebaut

Tobis und mein Gemach...

Loecherchen im Dach

nochmaldie Huette...

der Affe und ich beim Kaempfen!

Tobi naehert sich an die Schweinchen :P

ach Gott ist das Vieh meinem Charme erlegen ;)

Orlando mit seiner Herde...die Viecher verstehen keinen Spass beim Essen :D

das Schweinchen kriegt seine Medizin...

dieser Affe...

Mittwoch, 8. Juni 2011

Eine Woche im Dschungel von Tarapoto...Teil 1!!

Wie bringt man 2 Wochen voller Ereignisse, Eindrücke und unvergesslichen Erfahrungen auf gebührend auf Papier, sodass die Lesenden einen vagen Eindruck des Geschehenen bekommen? Ich werde es mit meiner fürs Schreiben typischen Methode versuchen, welche aus 3 Komponenten besteht: 1. Kein Schreiben vor 9 Uhr abends, denn erst abends umhüllt von Ruhe und abseits von jeglichem Stress lässt sich ein ordentliches Stück Text produzieren. 2. Gemütliche Gitarrenmusik die Seele erwärmen lassen, sodass ein schöner Schreibfluss entstehen kann und die Hand als direkter verlängerter Arm des Gehirns agiert. Nur so können auch die noch so verzwicktesten Gedanken in lyrischer Schön- und Klarheit zu Worten geformt werden. Dritte und letzte Komponente meiner Methode: Einfach schreiben was gerade in den Kopf kommt, keine Strukturierung, keine Planung, einfach das was gerade im Kopf umherschwebt in Worte fassen. Diesem Teil der Methode habt ihr es auch zu verdanken, dass ich euch mit dieser Erklärung zu meinem neusten Artikel empfange und willkommen heiße.
Wer meinen letzten Artikel brav gelesen hat, wusste, dass ich mich auf Reise begeben werde und für eine Woche dem peruanischen Regenwald einen Besuch abstatten würde. Die zweite Woche bestand aus einem Treffen meiner Organisation in Lima.
Vor meiner Reise Richtung Urwald in das kleine Städtchen „Tarapoto“, hatte ich keine Ahnung, wie und wo ich dort die Tage verbringen würde, da dieser Ausflug ganz und gar von meinem guten Freund Tobias geplant wurde und ich jediglich an einem bestimmten Tag, zu einer bestimmten Uhrzeit, an einem bestimmten Ort sein musste (und das krieg ich ja wohl noch hin ;) ). Es sollte sich herausstellen, dass es besser werden sollte, als alles was ich mir auch nur annähernd vorstellen konnte!
Da meine peruanische Heimat jedoch an der Küste nahe Ecuador liegt und das erwähnte Ziel auf den in den Höhen Perus, hatte ich eine kleine Reise vor mir, bevor ich in Tarapoto ankommen sollte. Spontan und reiselustig wie ich nun mal bin nutzte ich diese Umstände natürlich zu meinen Gunsten!
Zunächst einmal nahm ich einen Bus nach Chiclayo welcher mich 9 Stunden über die Straßen trug und um 5 Uhr morgens in Chiclayo absetzte. Das es um 5 Uhr morgens begrenzte Möglichkeiten zum Vertreiben der Zeit gibt dürfte wohl allen klar sein und so machte ich es mir auf einem Stuhl gemütlich und döste 5 Stunden vor mich hin, denn ab 10 wäre mein Tag gerettet. Zu dieser Zeit öffnet nämlich das chiclayanische Shoppingcenter mitsamt Starbucks! Jeder der mich kennt (oder an diesem Tag mit mir gechattet hat), weiß wie der Rest des Tages verlief und deswegen spar ich mir langweilige Beschreibungen. Nur der netten Mitarbeiterin, welche mir einen Mocha Frappuchino ausgab möchte ich an dieser Stelle noch herzlichst danken!
J
Um 6 Uhr ging es nun also weiter nach Chachapoyas. Eine Stadt in Peru, welche mit einer der beeindruckensten Sehenwürdigkeiten Südamerikas aufwarten kann, jedoch beinahe völlig von Reisenden vernachlässigt wird. Eine riesen Ruine, leer von Reisenden und quasi unbesucht? Der Traum eines jeden Travelers!!! Bei meiner Ankunft nachts um 4 suchte ich mir erst mal das heruntergekommenste und somit auch billigste Hotel und wurde mit einem netten feuchten und gänzlich simplen Hotel für 15 Soles fündig. Am nächsten Tag schloss ich mich einer Tour an die Ruine an und durfte das prachtvolle Bauwerk und seine beeindruckende Geschichte mit eigenen Augen bestaunen und im Stillen meinem blauen Reiseführer (Lonely Planet) völlig Recht geben. Eine zu Unrecht unterbewertete Attraktion in Peru!
Nach der Tour ging es auch wieder in mein Luxushotel, denn den morgigen Tag würde ich mit der Fahrt nach Tarapoto verbringen.
Mein eigentlicher Plan war es ein Taxi in ein einstündig entferntes Dorf zu nehmen und von dort aus in den Bus nach Tarapoto einzusteigen…es sollte alles anders kommen. Es ergab sich, dass eine junge attraktive Peruanerin sich mit mir im Taxi befand und mir versicherte, dass „ihre“ Methode nach Tarapoto zu gelangen viel zeitsparender und schneller wäre, da sie mir erklärte, wie unpraktisch doch das Bussystem hier funktionierte. Selbstverständlich war ich einer netten peruanischen Mitbürgerin für ihre Hilfsbereitschaft dankbar, und die Tatsache, dass sie attraktiv war, machte sie für mich auch sofort vertrauenswürdig…nach 5 Std Fahrt in 4 verschiedenen Taxis und einem schnellen gemeinsamen Mittagessen kam ich in Tarapoto an und musste mich von dieser netten jungen Dame verabschieden. Immerhin, Recht hatte sie mit ihrer Methode, welche 4 verschiedene Taxis anstatt einen Bus beinhielt. Zum Abschluss des Tages beglückte mich peruanisches Kabelfernsehen mit „Men in Black“
J
Ihr werdet nun sicher alle denken: „Wayne, wen interessiert die ganze Anreise usw, wann kommst du zu den interessanten Sachen?“. Eine berechtigte Frage liebe Freunde der Sonne, aber ich muss dennoch hinzufügen, dass dieser Blog sowohl für Familie und enge Freunde (welche sich nun mal auch für die Kleinigkeiten und Details interessieren) ist, sowie für diejenigen welche einfach vor lauter Langeweile nichts zu tun haben und meinen Link auf Facebook gesehen haben ;) .
Montags traf ich also nach Monaten endlich Tobi wieder und ich übertreibe nicht, wenn wir beiden den Glückstränen nahe waren. Tut einfach gut nach so langer Zeit einen richtigen Freund wieder zu sehen. Nach 10 Minuten in Tarapoto trafen wir auch schon sofort unseren Tourguide und wussten nach 10 Sekunden, dass er unser Untergang sein würde. Als wir vor der Busstation warteten kam ein großer, breiter, älterer, bärtiger Mann aus dem fahrenden Mototaxi gesprungen rannte auf uns zu und schrie uns „Carajo!!! De Puta Madreeee!!! Tobias y Lucas?!?!“ entgegen. Jaaaaaaap, das war unser Guide.
Im Hotel bestand eine seiner ersten Taten darin, uns Zigaretten aus dem Dschungel anzudrehen, bei denen ein Lungenzug selbst den hartgesottensten Camel-raucher zum wimmern bringt. Danach begaben wir uns auf den Weg und machten die Besorgungen für die Tage im Dschungel und langsam aber sicher klärte sich das Bild auf. Wir würden ein paar Tage bei einem Mann verbringen, welcher ein Projekt zur Rettung der bedrohten Tiere aufgebaut hatte und mitten im Höhenwald nur mit seinen Tieren lebte und arbeitete. Das alles werde ich in einem Artikel welcher nur ihm und diesen Projekt gewidmet ist weitererklären, denn dieses Lebenswerk verlangt nach einem eigenen Artikel. Besagten Mann trafen wir auch Montags, da er sich zufällig gerade in der Stadt befand. Erstes Merkmal: ER TRÄGT EINEN VERDAMMTEN KAPUZINERAFFEN AUF DER SCHULTER!!! Der Traum meines Lebens, der gemeinsame Traum all meiner Freunde, einen Kapuzineraffen zu besitzen, und hier sah ich es, einen Mann mit einem treuen Äffchen auf seiner Schulter. Beide sollten gute Freunde von uns werden…
Dienstags machten wir uns also auf die Wanderung auf, welche unter anderem aus 13 Flussüberquerungen bestand und somit ziemlich spaßig war. Was wünscht man sich als 20 Jähriger mehr als eine Wanderung durch den Dschungel gemeinsam mit einem Freund, überqueren von Flüssen und einen permanent fluchenden Guide? NICHTS! Nach 3 Stunden kamen wir also an und durften zunächst Orlandos (so heißt der gute Mann) zu Hause betrachten. Zu sagen, dass dieser Mann in einfachen Verhältnissen lebt wäre untertrieben. Ein Mann der mit nichts lebt, träfe schon eher zu. Aber ich glaube meine Bilder sagen genug aus und machen jede weitere Beschreibung überflüssig.
Hier waren wir nun also inmitten des Waldes und genossen zunächst einmal das Ambiente. Die Stille des Waldes, welche nur von dem ruhig fließenden Fluss einen hörbaren Klang verpasst kriegt, den kleinen Affen der hier und dort herumspring und alles von Mensch bis Tier zum Narren hielt und letztendlich das Gefühl von totalem Frieden, totaler Isolation.
Glücklicherweise bestand unser Tagesplan auch aus nichts außer entspannen in der Hängematte und am Fluss und so begaben Tobias und ich uns zunächst einmal an den Fluss um auf den Steinen die Strahlen der Sonne einzufangen. Unsere Ruhe wurde von einem mächtigen Donner unterbrochen und erschrocken blickten wir alle gen Himmel in Erwartung eines Gewitters. Da weit  und breit keine Wolke in Sicht war trafen sich unsere verwirrten Blicke um dann in den Wald hinter uns zu schweifen, wo sich einige Baumkronen bewegten. Mit einem Mal wurde uns klar was abging und alte Worte von Pichin, unserem Tourbegleiter, kamen uns in Erinnerung: Erdrutsche! Dies alles war eine Sache von Millisekunden, denn schon wenige Sekunden nach dem lauten Krachen schrien Orlando und Pichin „Coooooorraaaan“ und so gehorchten wir und fingen an zu rennen. Über Stock und Stein, fielen hier und fielen dort, um dann doch sicher auf der anderen Seite angekommen zu sein. Der Schock saß in uns allen tief und es wurde sich über Tobias und meine Gesichtsfarbe lustig gemacht. Einmal im Leben wortwörtlich ums Leben rennen: check!
Die Gefahr bei den Erdrutschen im Dschungel ist, dass die mächtigen Bäume fallen und wenn das der Fall ist gilt nur eins: rennen & verstecken.
Aber da wir ja alle noch leben konnten wir über diese Geschichte lachen und desto öfter wir sie Revue passieren ließen desto graziöser und gekonnter hüpften wir von Stein zu Stein zum sicheren Ufer.
Den restlichen Tag verbrachten wir nur damit uns von Orlando seine Arbeit erklären zu lassen und uns mit „Coucou“ dem Kapuzineräffchen anzufreunden. Man könnte ohne weiteres tagelang nur dar sitzen und dem Affen dabei zusehen, wie er rumspringt, Zigaretten stiehlt, die anderen Tiere und Menschen ärgert oder einfach nur seiner Neugier freien Lauf lässt.

Hier für euch die 4 Highlights Coucous:

1) Tiere und Menschen ärgern, indem er auf sie Springt ihnen ins Ohr beißt (im Falle des Papageies den Flügel greift und ausbreitet (selten etwas witzigeres gesehen)), um dann gefangen und gekitzelt zu werden. Selten habe ich etwas wundervolleres gesehen, als einen kleinen Affen, der sich vor lauter Lachen in deinen Händen krümmt.
2) Einen Schmetterling fangen und mit seinen kleinen Händchen zerrupfen, um ihn dann mit großem Spaß auf Tobis T-Shirt zu verreiben und daraus ein abstraktes Kunstwerk zu machen.
3) Unser Coucou ist ein überzeugter Nichtraucher, welcher jedoch von überzeugten Rauchern umgeben ist. So macht er es sich zur Ehrenaufgabe Zigaretten zu klauen und zu zerreißen. Wir mussten lernen, dass der Affe dabei zusieht, wie man die Kippen versteckt und sich den Platz merkt um dann später zuzuschlagen und während den Tagen fielen viele Zigaretten ihm zum Opfer und viele Feuerzeuge verschwanden durch seine diebischen Hände!
4) Ich übertreibe nicht, wenn ich mit ganzem Stolz erzähle, dass dies eines der witzigsten Sachen ist, die ich je gesehen habe. Coucou klaute Tobias Zahnbürste aus der Tüte, putzte sich damit kurz die Zähne, schmiss sie auf den Boden und lachte uns beide aus. Ein graziöser Moment in dem Tobi und ich erst mal da standen und realisieren mussten, was wir beide gesehen hatten. Unvergesslich!

Geschlafen wurde in einem Zelt auf gutem, harten Dschungelboden. Matratzen sind eh völlig überbewertet. Unsere Tage fingen früh an und endeten auch früh, da im Dschungel die Zeitrechnung nicht aus Zeit sondern aus hell und dunkel besteht. So vergaßen wir auch jegliches Zeitgefühl und passten uns an Orlandos Tagesablauf an (mehr dazu im anderen Artikel). Die Beschreibungen seiner Arbeit verlege ich auf den anderen Artikel und beschränke mich in diesem mehr auf unsere anderen Aktivitäten, sprich die Wanderungen.
Mittwochs machten wir uns also auf zu einer Wanderung durch den Dschungel mit dem Ziel die Spitze des Berges zu erreichen. Es war eine wunderschöne Wanderung inmitten einer geheimnisvollen Umgebung, welche einen fruchtbaren Boden für viele Mythen bietet. Wir machten viele Fotos von Pflanzen und Tieren (oder uns bei idiotischen Ideen im Dschungel), badeten uns in malerischen Wasserfällen und arbeiteten uns bis auf den Gipfel empor, um dann die atemberaubende Aussicht auf den Dschungel zu genießen. Bei der Wanderung wurden wir unter anderem von der zauberhaften „Emith“ begleitet, welche auch eine freiwillige Mitarbeiterin des Projektes ist und zudem eine absolute Naturnärrin. Sie watete mit vielen interessanten Infos zu Bäumen und Pflanzen sowie anderen Dschungelmythen auf oder erzählte aus ihrem äußerst interessanten Leben, das sie schon durch ganz Südamerika, über Amerika bis nach Indien verschlug. Dieser ganze Spaß dauerte in etwa 6-7 Stunden und von daher hieß es im Camp nur noch Essen, was mich auch schon zu meinem nächsten Punkt bringt. Gegessen wurde über die Tage eigentlich nur Reis, Bananen, Brot (mit Butter & Zucker, nicht „bäh“ sagen, erst einmal probieren, ihr werdet euch wundern ;) ), und Nudeln. Gekocht wurde über einem Lagerfeuer, was natürlich für uns sehr spaßig war, aber für Orlando das normale Leben darstellt (wieder einmal gilt: mehr dazu im anderen Artikel). Trotzdem gab es für uns dank der kulinarischen Fähigkeiten Pichins keinen Grund zur Klage.
Es ist schwer rüberzubringen, warum dieser Urlaub so unglaublich toll war, denn es ist eine Mischung aus allem. Ja wir hatten wenig Programm, aber wir wollten gar nicht mehr. Das unvergessliche waren die Gespräche mit Orlando, Pichin und Emith. Das Zeuge sein von Orlandos Liebe und Passion zu den Tieren und einfach das Nichtstun inmitten des Dschungels. Entspannung pur!
Wir verbrachten also viel Zeit mit Gesprächen in Hängematten, Geschirrspülen im Fluss, Baden in Wasserfällen, spielen mit dem Affen und einfach alles zu machen, was uns gerade in den Sinn kam.
Eine witzige Geschichte hätte ich dann jedoch noch. Wir waren mit Pichin an einem anderen Wasserfall baden, genossen das pure Leben, als ein kleiner Kolibri neben Pichin kurz im Fluge anhielt und ihm 3 Mal ins Ohr zwitscherte. Er verstand dies als Zeichen der Natur, ein Symbol der Warnung, da Kolibris normal nie Laute von sich abgeben wie andere Vögel. Wiederwillig stimmten wir also zu uns Richtung Camp aufzumachen ließen uns jedoch ein Bad in einem anderen Wasserfall näher am Lager nicht nehmen. Mitten beim Baden begann jedoch der Regen und nahm innerhalb von Minuten zu. Die Lage wurde ernst, denn bei Regen steigt der sonst ruhige Fluss zu einem reißenden Strom an, was für uns bedeuten würde, dass wir nicht zum Lager zurückkehren könnten. So rannten wir also halbnackt durch den Dschungel zurück Richtung Camp. Der Soundtrack unseres Hetzens durch den Wald bildeten mal wieder die Erdrutsche, die uns eine Heidenangst einjagten. Stellt euch vor ihr rennt bei strömenden Regen durch den Dschungel und von überall kommen donnermäßige Krachen, während ihr panisch nach links und rechts blickt, um zu gucken ob gigantische Bäume auf euch fallen. Als unser Heim in Sicht kam sahen wir auch Orlando panisch nach uns schreien, weil er sich den Gefahren des plötzlichen Wetterumschwungs gewiss war. Ich war der erste der den steigenden Fluss zu Gesicht bekam und dachte nicht lange nach sondern durchkreuzte ihn irgendwie so schnell wie möglich. Tobias der ein wenig später ankam stürzte beim Überqueren, da die Kraft des Flusses schon zugenommen hatte. Sicher zurück im Lager lachten wir über unser kleines Abenteuer und wurden dann aber auch schon Zeuge von Orlandos Dilemmas. Wenn es regnet, was im Regenwald durchaus keine Seltenheit ist, steht das halbe Lager unter Wasser und es ist ein anstrengender Kampf die Lebensmittel trocken zu halten und vor dem verfaulen zu bewahren.
Wie ihr alle wisst muss auch der schönste Urlaub einmal zu Ende gehen und nach 4 Tagen war es soweit, wir mussten den Rückweg antreten, da wir für Freitag Abend  noch andere Pläne hatten. Der Regen vom Vortag und der Nacht machten unsere Rückkehr jedoch fraglich, da der Fluss auf das viel fache seiner normalen Größe und Kraft angeschwollen war und somit ein Risiko dar stellte. Nach langem Überlegen und Abwägen einigten wir uns darauf den Rückweg anzutreten. Belohnt wurden wir mit einer der witzigsten und spannendsten Wanderungen aller Zeiten. Wie ihr wisst, mussten wir den Fluss 13 Mal überqueren und jede Überquerung veranschlagte intensives Nachdenken, Planung und blindes Versuchen. Nach jeder Überquerung entglitten uns gewisse Obszönitäten um unser Gelingen auch gebührend zu feiern und so machten wir aus den Überquerungen  einen Kampf. Beladen mit Gepäck bauchtief durch den Fluss waten, von Stein zu Stein springen um dann in den Fluss zu fallen, wir hatten alles und vor allem einen riesen Spaß. In der Stadt angekommen blieb uns auch nur wenig Zeit um ins Hotel zu gehen, zu duschen und sich fertig zu machen für das nächste Abenteuer…Der Besuch eines peruanischen Schamanens!


PS: Wer Infos zu den Geschehnissen des Freitags haben möchte, kann sich privat bei mir melden (Facebook oder Email), da ich entschieden habe, dieses Kapitel nicht öffentlich im Blog zu veröffentlichen :P

PS2: Das war die erste Woche, es folgen ein weiterer Artikel zu Orlando und seinem Projekt, sowie ein kleiner über die andere Woche des AFS Treffens ;)


Orlando mit seiner treuen Gefaehrtin " Coucou"

Coucou begegnet sich im Supermarkt im Spiegel :D

das kleine Mistvieh hatte mir gerade ins Ohr gebissen :D

Tobi geht ueber Stock und Stein ;)

unser verrueckter aber herzensguter Guide, Papa Pichin :)

Ameisen beim abtragen eines Baumes (Lucas goes Discovery Channel)

voller Einsatz...

ist das nicht der Traum Jungs? chillen in ner Haengematte in Unterhosen im Dschungel?

wir beim Schaelen der "Carajo Frucht" (Name gegeben von Pichin)

Pichin und Tobi beim zaubern in der Kueche...

Meditatieren im Dschungel (auch nur fuers Foto selbstverstaendlich)

Natur....

...Natur...

Natur....

herrliches Plaetzchen zum Baden :)

wuuuuuunderschoen :)

und noch mehr Natur...

Tobis Gipfelbild ;)

Baaaam

kleines Falterlein

Coucou beim zerrupfen des Schmetterlings